Leben, KulturFreitag, 25. Februar 2011, 11:52 Uhr· von: Hohenborg-Varel

Auferstehung eines Kultgetränks: Trader Joe's ist zurück!

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Das löste unter den meist jugendlichen Konsumenten einen Sturm der Entrüstung aus. Unzählige Käufer schleppten bereits gekaufte Packungen retour und verlangte ihr Geld zurück. Bei Facebook, Studi-VZ, Schüler-VZ und Co. bildeten sich Protestgruppen mit zeitweise 10.000 Unterstützern. Es wurde zum Boykott, nicht nur des Ersatzprodukts, sondern der ganzen „Firma“, wie "Aldi" in Anspielung auf den Thriller von John Grisham genannt wurde, aufgerufen.

Die „Firma“ wurde mit wütenden Protestbriefen überschwemmt, die "Aldi" teilweise sehr geschickt beantwortete. So sandte man manchen Briefschreibern Lebensmittelpakete mit Fruchtsäften, in der Hoffnung sie zu besänftigen, andere wurden freundlich darauf hingewiesen, der neue Eistee sei doch jetzt gesünder, da er weniger Zucker enthalte. Blanker Hohn, angesichts der Tatsache, dass der Zuckergehalt um einen Punkt, von 21 auf 20 Prozent gesunken war. Es half alles nichts. Der falsche Klon lag in den Regalen wie Blei. Jetzt gab die „Firma“ klein bei. Allerdings hat die Sache einen Haken, aber dazu später mehr.

Wenn eine Sache als „Kult“ bezeichnet wird heißt das in der Regel, sie hat ihre große Zeit hinter sich, ist aber immer noch gut im Geschäft und hat sich einen Ewigkeitsstatus erarbeitet. Das gilt für Produkte wie für Künstler und Kunstwerke oder andere Dinge, so auch z. B. für das Kultgetränk „Coca Cola“. Seine große Zeit hatte dieser Durstlöscher in den 1950er und 60er Jahren. Damals gab es kaum nichtalkoholische Alternativen, nur ein paar fade Limonaden oder selbstgepressten Saft. Und Cola war damals nicht „kult“ sondern „trendy“, denn es befand sich auf dem Höhepunkt seines Ruhms. Es galt geradezu als avantgardistisch im Lokal diese prickelnde braune Brause zu bestellen. Niemals jedoch, nicht im Traum, wäre der Hersteller auf die Idee gekommen, den Geschmack oder das Originalrezept auch nur im Geringsten zu verändern. Als sich die Zeiten änderten und das Gesundheitsbewusstsein der Verbraucher stieg, entschloss man sich lieber eine zweite Variante („light“) anzubieten, als an dem Original herum zu murcksen.

"Aldi" hat diesen Fehler tatsächlich begangen, jedoch aus ganz anderen Gründen. Man wollte wahrscheinlich die Produktionskosten verringern und so einen zusätzlichen Gewinn erzielen. So wurde bei der neuen Variante der Fruchtgehalt von drei auf ein Prozent reduziert und auch andere Zutaten durch billigere Stoffe ersetzt oder gleich ganz weggelassen. Der Geschmack des Eistees war dadurch zunichte gemacht. Dass er nicht mehr im bewährten Tetrapack, sondern in Plastikflaschen angeboten wurde, war dann auch schon egal. Das ursprüngliche Originalprodukt zeichnete sich durch einen einzigartigen Pfirsichgeschmack aus und unterschied sich dadurch von allen anderen Fertigeistees, die in der BRD angeboten werden. Unter Kennern galt Trader Joe's als bester Eistee der Republik. Und vor allem für junge Konsumenten stellte er eine gute Alternative zu alkoholischen Getränken dar.

Seinen großen Aufstieg erlebte der Eistee in dem heißem Sommer 2006, während der Fußball-WM in Deutschland. In der unerträglichen Hitze, die damals herrschte, eroberte er sich seinen Platz in den Herzen der Fans. Direkt aus dem Eisschrank hervorgeholt, floss er einem die Kehle runter, den überhitzen Brustkorb abkühlend und, ob des gradiosen Geschmacks, den Gaumen anregend wie nichts anderes. Pfirsich, das war der Geschmack dieses Sommers, als die junge multikulturelle Nationalmannschaft mit der Bronzemedaille doch noch als Gewinner vom Platz ging.

Gewinner sind auch die tausenden Konsumenten, die mit ihrem Widerstand und ihren Aktionen die „Firma“ in die Knie gezwungen haben. Dennoch windet sich "Aldi" wo es nur kann, um noch ein paar Cent pro Packung mehr herauszuschinden. So wurde der Geschmack zwar weitgehend wiederhergestellt, aber der Eistee enthält jetzt zuviel Säure bzw. der Säureregulator wurde einfach weggelassen. Das hat Auswirkungen auf die Bekömmlichkeit. Das Produkt ist nicht mehr so magenverträglich und übermäßiger Konsum kann permanentes Aufstoßen und Sodbrennen nach sich ziehen. Auch die Folgen für die Zähne der jugendlichen Konsumenten werden verheerend sein, sollten sie tatsächlich zu "Aldi" und zu Trader Joe's zurückfinden. Allzu große Hoffnung darf sich die „Firma“ aber nicht machen. Ihre Reaktion kam zu spät. Nach neun Monaten haben sich viele an andere Getränke gewöhnt. Der Discounter wird es verkraften, denn Insgesamt handelt es sich nur um einen kleinen Teil seiner Kundschaft.

Die finanziellen Verluste müssen jedoch schmerzlich gewesen sein, denn das Produkt wurde als Durstlöscher in großen Mengen komsumiert. Und die Art und Weise, wie "Aldi" seine jungen Kunden gegen sich aufbrachte, war aus marketingtechnischer Sicht äußerst unklug. Jedenfalls weiß die „Firma“ jetzt, dass sie in Zukunft mit Wiederstand rechnen muss, sollte sie ihre Konsumenten wieder mal hintergehen wollen.



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